Jetzt versteh ich!
Logbuch einer alpinen
(Erst-) erfahrung

07.10 UHR

Oh, no… Schlummertaste!!

 

07.15 UHR

Nein, ich kann nicht. Wecker sind so grausam.

 

07:20 UHR

Schon gut, schon gut. Ich kapituliere. Ich Ei. Was hab ich getan? Einfach so zusagen. Eine Skitour. An einem Wochenende! In aller Herrgottsfrüh! Ich bin noch nie auf Tourenskiern gestanden.

 

07.30 UHR

Ich bin ja fast zu schwach die Zahnbürste zu halten, wie soll ich denn bitte mit Fellen untern den Skiern den Berg hoch? „Eine feste Gaudi“ wird es, haben sie gesagt. Aktuell zieht in mir vielleicht Gähnen auf, aber ganz sicher keine Gaudi. Katrin und Lisa werden ihren Spaß sicher haben – mit mir.

 

07.50 UHR

Ach, Kaffee tut gut. Ich mach das jetzt. Immerhin hab ich extra die Tourenausrüstung ausgeliehen. Und die sieht gar nicht so schlecht aus.

 

 

08.02 UHR

Sie sind da. Hochmotiviert und voller Tatendrang. Mir wird es wieder ein bisschen mulmig. Aber die Mädels packen erst meine Sachen ins Auto, dann mich und schon geht’s los Richtung Donnersbachwald.

 

08.23 UHR

Da wären wir. Donnersbachwald City. Downtown sozusagen. Der Parkplatz ist noch ziemlich leer. Kein Wunder, wer geht denn um diese Uhrzeit auf den Berg? Und wer versteht frühmorgens dieses Bindungssystem?!

 

08.29 UHR

Ah, okay. So läuft das. Man geht oder besser gleitet, die Ferse hebt sich, zieht den Ski nach. Das ist eigentlich ganz intuitiv. Hm, fühlt sich gut an.

 

08.35 UHR

Unser Ziel ist das Kleine Bärneck. „Klein“ klingt sympathisch für meinen ersten Versuch. Das pack‘ ich. Und schau, der Wald scheint auch gerade erst aufzuwachen. Dann starten wir gemeinsam in den Tag. Guten Morgen!

 

08.54 UHR

Der Schnee knirscht unter den Brettln. Es gleitet sich nicht mehr ganz so easy wie am Anfang. Lisa geht rhythmisch und spurtet nicht davon, aber ich glaube, das Tempo halte ich nicht durch. Ich bitte sie, etwas langsamer zu gehen. Thx, Lisa.

 

 

09.19 UHR

Es geht dahin. Die Sonne steigt gemächlich höher und wir mit ihr. Kehre für Kehre sammeln wir Höhenmeter. Katrin und Lisa tratschen vorne über ihre Arbeit, während ich hinten mit mir selbst beschäftigt bin. Es ist anstrengend, aber wir kommen voran. Schritt für Schritt.

 

09.35 UHR

Da vorne ist die Mörsbachhütte. Das heißt, die erste Etappe ist bald geschafft. Mein erster kleiner Erfolg. Wie verlockend wäre jetzt eine Einkehr?! Aber dann würde ich wahrscheinlich nicht mehr in den Tritt kommen. Also kurz durchschnaufen, die Landschaft aufsaugen und den Almkaffee auf später verschieben.

 

10.09 UHR

Hintere Mörsbachalm. Gipfelkreuz in Sicht. Was für eine Motivation. Ich lasse es nicht mehr aus den Augen. Yeah, ich komme!

 

10.21 UHR

Bei der kleinen Holzhütte mit dem “Adlerhorst” machen wir doch Rast. Aber nicht meinetwegen. Die Lisl (so sagen wir zur Sonne) strahlt uns mit voller Kraft ins Gesicht und wir wollen nochmal eine Schicht Sonnencreme auftragen. Nachdem auch die Pläne für den heutigen Abend geschmiedet sind (sofern ich dann überhaupt noch zu irgendetwas fähig bin), schultern wir wieder unsere Rucksäcke. Lisa legt für uns die Spur im Tiefschnee. Sie ist unglaublich. Wie geschmeidig das bei ihr aussieht. Bei mir läuft das schon deutlich uneleganter und der Schweiß rinnt mir den Rücken hinab.

 

10.54 UHR

Meine Beine sind richtig schwer. Wenn ich jetzt stehen bleibe, werde ich sie womöglich nie wieder in Bewegung bringen, aber ich muss einfach anhalten. Diese schneebedeckten Almböden und sanften weißen Hänge sind einfach zu schön. Hätte ich noch Atem, würden sie ihn mir rauben. Katrin steht stumm neben mir. Dann sagt sie etwas, das mich zum finalen steilen Gipfelsturm motiviert: „Schau, wie soft der Schnee ist. Und da fahren wir gleich ab.“ Stimmt. Juche!

 

11.38 UHR

Da ist er. Okay, nicht ganz. Zähne zusammenbeißen, Blick aufs Gipfelkreuz, Stock vor und los.

 

11.59 UHR

YESSSSS! Geschafft! Wir sind am Ziel. Ich kann es kaum fassen. Alles lässt nach, die Anstrengung der letzten Stunden, die Schwere in den Beinen – alles mit einem Mal weg. Und plötzlich versteh ich genau, was Lisa immer meinte. Es macht alles Sinn. Die Bewegung, die Anstrengung, wir in der weißen Weite, unsere Spuren im Schnee, das Gefühl jetzt hier oben zu stehen. Es ist noch nicht einmal Mittag und mein Tag ist schon so voller Eindrücke. Unglaublich. Nächstes Mal werde ich den Wecker nicht beschimpfen, sondern aus dem Bett hüpfen. Sag ich zumindest jetzt in meiner Euphorie zu den Mädels. Lisa jubelt und zeigt auf den Nachbargipfel. „Das Große Bärneck“, sagt sie, „den machen wir als nächstes“. Katrin reckt den Daumen in die Höhe und ich verspreche den Beiden, dass ich dabei bin. Ich bin wohl ein wenig im Gipfelrausch.

 

 

12.04 UHR

Mein erste Skitour. Mit Fellen hinauf auf 2.073 m Höhe. Und die Felle müssen jetzt runter, damit wir runterfahren können. Lisa und Katrin zeigen mir wie man sie abzieht und zusammenlegt. Dann noch raus aus den nassgeschwitzten Sachen und rein in die frische Wechselwäsche.

 

12.08 UHR

Eintrag ins Gipfelbuch. Das ist Pflicht und jeder soll von meiner sportlichen Höchstleistung erfahren. Auch Pflicht: Das Gipfel-Selfie mit uns Dreien.

 

 

12.42 UHR

Wir stehen abfahrtsbereit an der Kuppe. Ich bin wieder aufgeregt mit den neuen Skiern und den Tourenschuhen. Aber der Hang liegt so verlockend vor uns und den will ich jetzt genießen – genauso wie den Einkehrschwung in die Hütte.

Ist schon komisch. Das ist meine Heimat. Ich bin hier aufgewachsen. Aber irgendwie erfahre ich sie heute neu.

Goodbye Berg. Hello Tal.

 

Danke, Mädels.

GEMEINSAM DEN BERG EROBERN.
MACHT SINN.

 

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