URIG, NATURVERBUNDEN, WEISE – das waren meine Vorstellungen, als ich zu Cilli auf die Alm kam, um sie zu fotografieren.

 

 

Dann traf ich auf eine 97-Jährige, die all das war und doch ganz anders. Bei der CILLI gibt es lautes Lachen und lange Ohren, Butterkunst und Lebenslust.

 

 

Gehört hab ich schon von ihr. Von der Cilli auf der Bärenfeichtnalm. Dass sie ein wahres UNIKAT sei und einiges zu erzählen weiß mit ihren 97 Jahren. Als Fotograf muss ich mich gut auf Menschen einlassen können. Aber eine gewisse Erwartungshaltung bring auch ich immer mit, das lässt sich nicht ganz ausschalten. Und so hatte ich auch meine Vorstellung von Cilli im Kopf, als wir uns zu ihr aufmachten.

Kurz zuvor war ich für einen Job in Japan. Die Kultur dort ist so faszinierend, so anders, dass ich glaubte, mich kann nichts mehr überraschen. Vor allem nicht in der vertrauten Heimat und schon gar nicht auf 1474 METERN. Und dann stehe ich vor Cilli. Und mein Bild von ihr auf dem Kopf.

Schon bei der Begrüßung zeigt mir das scharfsinnige Patent, wo’s langgeht. Einer 97-Jährigen, so dachte ich, muss man bedächtig gegenübertreten und sie einfühlsam an die Kamera heranführen. Cilli aber weist mir gleich meinen Platz. Mit einer einzigen Handbewegung wischt sie meine vorsichtigen Worte beiseite: „MÅCHT’S IHR OAFÅCH.“

 

 

AUF DEN KOPF

GESTELLT

 

Schüchtern ist die SENNERIN nicht. Soviel steht fest. Noch mehr: Sie hat einen richtigen SCHMÄH und mich prompt eingewickelt. Und das sicher nicht, weil sie mir Honig um den Mund schmiert. So ist sie nicht. Vielmehr schmiert sie meinen Kollegen und mir ein einfaches. Aber wie. Mit einer RUHE, die wohl der Routine von hunderttausend gestrichenen Butterbroten zu verdanken ist, verziert uns Cilli die Butterschicht mit einem liebevollen Muster. Was sie denn da macht, will ich verwundert wissen. „Geh, låss di‘ auslåchn, Bua, des kennst‘ nit?“ fragt sie und schmunzelt verschmitzt: „Des Buttabrot muass i den Leutn immer schön herrichtn. Des is oafach wichtig.“

Wie Recht sie hat. Es ist wichtig. So schenk ich dem schlichten Stück Brot gleich viel MEHR AUFMERKSAMKEIT. Ich schau auf Cillis behutsame Verzierung, beiße viel bewusster zu und koste diesen Augenblick. Wie das schmeckt! Dieses einfache Butterbrot.

Im Sommer lebt Cilli alleine auf der BÄRENFEICHTNALM. Einsam hat sie es aber nicht. Ständig schaut Besuch durch die kleine Tür ihrer Almhütte herein. „I GFREI MI ÜBER JEDN, DER ZUWA KIMMT ZU MIR“, sagt sie, lacht und klopft auf den alten Holztisch. „Mir taugt des hoid, i tua gern LÅCHN und håb an Spaß mit den Leutn.“

 

 

GEWALTIG

SCHLAGFERTIG

 

Wobei Cilli auch da nicht zu unterschätzen ist. Spaßig, das ist sie definitiv, aber auch gewaltig schlagfertig. Cilli liebt die FREIHEIT oben auf der Alm, das erklärt sie immer wieder, aber das heißt für sie eben nicht, sich zurückzuziehen und abzuschotten. Auch Almblümchen zählen und Aussicht genießen sind nichts, was ihre Tage hier heroben ausfüllt. Sie LIEST VIEL und studiert täglich den Ennstaler, unsere Wochenzeitung. Ja, und bei uns erkundigt sie sich gleich über den Tratsch im Tal genauso wie über das Weltgeschehen. Die Frau kennt sich aus und ich komme mir schnell vor wie ein kleiner Bub, der der Oma lauscht.

Sie steckt voller LEBENSERFAHRUNG. 1921 geboren, in den 30er Jahren aufgewachsen und im Krieg als Krankenschwester oft mehr gesehen als ihr lieb war. Ihr Lebenselixier, die stete Neugier, hat sie viel herumkommen lassen in ihrem Leben. Soweit es eben möglich war. Sie war 80 Jahre alt, als sie das erste Mal in ein Flugzeug stieg. Damals besuchte sie ihre Schwester in den USA und mit 90 flog sie gar nach Uganda zu ihrer Enkelin. Bemerkenswert.

 

UND MIT 90

NACH UGANDA

 

Sie ist keine, die ihre Meinung zurückhält. Wenn sie dann wieder auf dem Bankerl vor ihrer Hütte sitzt, bekommt der eine oder andere Besucher ihre Lebensweisheit schon auch mal zu spüren. Und so passiert es wohl immer wieder einmal, dass sie sprichwörtlich ein paar Ohrwascheln langzieht, oder wie Cilli es formulieren würde: „DÅ BRENN I’S EANA EINI.“ „I SÅG DEN LEUTN IMMER, SIE SOLLN ZFRIEDEN SEIN.“ Mit einem Jammerer macht sie einen kleinen Geschichtsausflug bis er wieder weiß, für was er alles dankbar zu sein hat.

Nachdem ich mit meiner Arbeit fertig bin, wird es ruhig und wir schauen in unsere friedliche Bergwelt. „MA IS OAFÅCH FREI DÅ HEROBN“, sagt Cilli in die Stille. Dann schallt wieder ihr Lachen durch die Luft: „… und fröhlich!“ Das ist es. Und das ist Cilli. Eine Frohnatur, neugierig und kritisch, gesellig und lebenslustig. EIN UNIKAT, das mir wieder verdeutlicht hat, mit vorgefertigten Meinungen sehr sparsam umzugehen, sonst verpasst man am Ende die besten Überraschungen.

 

Danke, Cilli.

LEBENSLUST.
MACHT SINN.

 

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