Geschichten, die nur der 45-jährige Gläserbodenlift zu erzählen weiß.

Das war es. Schon wieder ein Winter auf der PLANNERALM vorbei. Es war eine SCHÖNE SAISON, aber auch ganz schön ANSTRENGEND. Natürlich, ich bin nun auch nicht mehr der Jüngste mit meinen 45 Jahren.

 

Ehrlich gesagt war ich einer der ERSTEN hier und in der Schleppliftszene überhaupt. Doch auch wenn ich vielleicht ein wenig knarzen und knarren mag – ich laufe noch immer wie geschmiert. Das liegt auch daran, dass meine Jungs ein besonderes Auge auf mich werfen und mich liebevoll pflegen. Früher habe ich dazu Wartung gesagt, doch da ich mit der Mode gehe, bezeichne ich es heute als Wellness-Behandlung. Gut geölt werde ich jetzt am Saisonende, bis ins kleinste Schräubchen kontrolliert, geschrubbt und gereinigt bis auch meine treuen Bügel wieder glänzen. Das ist meine Einstimmung auf die warmen Monate, in denen ich mich ganz wunderbar regenerieren und all die GESCHICHTEN Revue passieren lassen kann…

 

 

45 Jahre. Wird da die Arbeit nicht zur Routine, fragt Ihr Euch womöglich. Keineswegs, kann ich Euch sagen. Ich laufe zwar immer meine gleiche Runde, ein zirkelndes Auf und Ab, aber ich werde dem Kreiseln trotz meines Alters nicht müde. Die Planneralm ist einer der schönsten Arbeitsgebiete, die man sich nur wünschen kann. Bei solchen AUSSICHTEN kann man sich nicht beschweren! Wir sind eines der schneesichersten Regionen und der Anblick, wenn die dicken Flocken fallen und die dichten, meterhohen Latschenkiefern langsam unter sich bedecken, bringt jedes Jahr aufs Neue ausreichend Motivation.

Natürlich weiß ich, was der Nachwuchs so zu bieten hat – ich lebe auf der Planneralm, nicht hinter dem Berg. Sie heißen Jet und Express, sind superschnell und hocheffizient. Ich habe gehört, was sie alles zu bieten haben.

 

Im Gegensatz zu ihnen kann ich den Leuten
(bzw. ihren Popos) nicht einheizen.

 

Ich lasse sie nicht in höchste Höhen schweben. Bei mir geht es anders zu. Nach mir muss man GREIFEN, ich bin einer zum FESTHALTEN und bei mir bleiben die Skifahrer mit beiden Skiern auf dem Boden.

Doch ich bin ganz entspannt. Schließlich weiß ich, dass sehr viele mich genauso haben wollen wie ich bin. Sie wollen nicht abheben. Sie wollen nicht, dass sich Türen schließen oder Hauben herabsenken. Sie wollen die Natur auf ihrer Haut SPÜREN, den anderen auf der Piste nachsehen oder schauen, welche Tierspuren sich da zwischen den Bäumen verlaufen. Sie wollen die Planneralm mit mir erfahren und nicht über sie schweben.

 

 

Die NÄHE ZUR NATUR ist das eine, aber was fast noch wichtiger ist, das ist die Nähe zwischen den Menschen. Bei mir geht es INTIMER zu. Bei mir sitzt man zu zweit zusammen. Bei mir werden Gespräche geführt, die hört man in keiner Großraumgondel. Ich könnte Euch Geschichten erzählen. Und obwohl sich seit meinen Anfängen 1972 die Welt so gewaltig verändert hat, kreist das Leben – so wie ich – im Grunde immer um das Gleiche.

 

Ich erfahre von Ängsten und Träumen.
Es wird getrascht und gelästert, geschwärmt und geträumt.

 

Die Eltern vorne diskutieren die Zukunft der Kinder, die ich hinten ziehe. Die sind damit beschäftigt zu überlegen, welchen Jump sie fahren werden und ob der Felix jetzt cooler ist als der Marcel. Einige der Eltern kenne ich seit sie noch kleiner waren als ihre Junioren heute. Anfangs habe ich sie zwischen den Beinen ihrer Eltern hochgeschleppt. Dann ihre ersten eigenen Versuche erlebt, wo sie frustriert rausfielen. Ich erinnere mich an ihr stolzes Grinsen, wenn sie ihre erste Fahrt mit mir geschafft haben.

Ich habe es ihnen anfangs nicht einfach gemacht, aber durch mich haben sie dazu gelernt. Ich habe sie zu sichereren Skifahrern gemacht und ihnen SELBSTBEWUSSTSEIN geschenkt. Als erfahrene Kids haben sie sich nicht mehr festgekrallt, sondern souverän rumgealbert. Ich habe gesehen, was sie heimlich so getrieben haben: rückwärtsfahren, hinten dranhängen, zu viert fahren. Sie haben den Spaß von der Piste bei mir weitergeführt – und ich hab’s heimlich genossen.

Ja und dann haben sie in späteren Jahren gemerkt, dass das ANBANDELN in einem Schlepplift ganz hervorragend funktioniert. Die drei Minuten zu zweit kann man gut überbrücken, ohne dass es peinlich wird. Man ist ganz NAH BEIEINANDER, aber das ist ja ganz normal. Es folgen weitere drei Minuten und ich merke, dass man sich womöglich mehr auf die nächste Fahrt mit mir freut als auf die Abfahrt.

 

Und irgendwann hält man sich nicht mehr an meinem Bügel,
sondern an einander fest.

 

Manchmal blieb’s tatsächlich bei der Person, manchmal hat man sich im nächsten Winter an jemand anders festgehalten.

Ich habe SPRACHEN gelernt, viel über unterschiedliche Kulturen erfahren. Und egal, ob die Leute zu den Krokusferien bei mir sind oder Christmas auf der Planneralm verbringen, sie alle sind sich so ähnlich. Sie alle bringt der Schnee zum Strahlen, sie alle schwärmen von der AUSSICHT auf das gewaltige GIPFELMEER – und sie alle diskutieren, was man wohl zum Einkehrschwung am besten bestellt. Die Bernerwürstel mit Pommes stehen hoch im Kurs. Aber die Germknödel, gebettet in warmer Vanillesoße und getoppt mit ausreichend Mohn, kommen so wenig aus der Mode wie ich. Am zweiten Tag haben die meisten Gäste schon ihre Latschenkiefer-Erfahrung gemacht und es wird besprochen, welchem Onkel oder Schwager man einen Schnaps mitbringen soll und ob sich die Cousine, die ja bald Geburtstag hat, mehr über den Sirup oder mehr über die Salbe freuen würde.

 

 

In den WARMEN MONATEN, wenn die Latschenkiefern in Schwerstarbeit geerntet werden, habe ich ausreichend Zeit, den Winter Revue passieren zu lassen. So viele Erlebnisse, so viele Geschichten, so viele Eindrücke. Man braucht seine Zeit, um all das zu verarbeiten, vor allem als 45-Jähriger Schlepplift. Doch wenn die Tage kürzer werden, spüre ich auch wieder dieses VORFREUDIGE JUCKEN. Ich genieße die letzten ruhigen Tage, atme tief ein beim ersten Schneefall und jauchze beim Anblick vom FRANZ, MEINEM LIEBLINGSLIFTLER. Er drückt als Erster auf den roten Startknopf und ich setze mich wieder langsam in Bewegung. Alles wird wieder rund laufen. Alte Bekannte werden nach mir greifen, neue Gesichter werden sich einreihen. Ich werde wieder Fahrt aufnehmen und mein Geräusch wird vertraut in der klaren Winterluft hallen – KLACK, KLACK … KLACK, KLACK.

 

Danke, Gläserbodenlift.

DEINEN TAUSEND GESCHICHTEN ZU LAUSCHEN.
MACHT SINN.

 

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